Die "zivilisierte" Form von Gewalt an Frauen
25.11.2016 (Cologne) Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

Ich gehe über den Punkt der eindeutigen physischen Gewalt hinweg, obwohl ich davon sicher auch berichten könnte, und gehe direkt mal auf das Leben in westlich geprägten patriarchalischen Strukturen und der "feinen" Form der psychischen Gewalt an Frauen ein. In meinen Ohren klingt eben dieser Punkt besonders nach, von der Kundgebung am Rudolfplatz und das Statement, - wahrscheinlich den zweifelnden Menschen geschuldet - dass es sich um eine antirassistische Frauenbewegung (Lila Köln) handelt. Ich könnte mir vorstellen, dass man heutzutage allzu schnell in einen Topf mit der AfD und anderen Lügenpresseschreiern geworfen wird, die ebensolche Vorfälle wie die Silvesternacht in Köln (und anderen deutschen Großstädten) für ihre Zwecke nutzen.

Dies ist ein Bericht einer verstrickten Form von Gewalt an einer sehr großen Frau unserer "ach so" zivilisierten westlichen Welt.

Da fühlte ich mich ein wenig Fehl am Platz, mit meinem Penis in der Jeans und den Chauvi-Sprüchen aus Bundeswehrzeiten in Gehirnarealen, die stetiger Radiergumminutzung bedürfen, und versteckte mich zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am Rande der Kundgebung, hörte still zu und kurz weg, als der Jungfernhäutchen-Mythos umrissen wurde. Wahrscheinlich bedarf es da noch etwas Aufklärungsarbeit, die der Biologieunterricht bei meiner Generation versäumt hat.
Komisch ist es schon, wenn man sich als deutscher Mann, überall sicherer fühlt, als in der Nähe richtig deutscher Männer, aber trotzdem nirgendwo richtig dazu gehört und sich deswegen am Rand platziert.
Denn genauso, wie ich euch Frauen liebe (Ich duck mich schon mal vor der (Chauvi-Keule), genauso mag ich einige von euch nicht, bevorzugt fallen mir und einigen anderen Männern da sicherlich die Ex-Partnerinnen ein. Wie trennt man sich richtig, diese Frage stelle ich mir bis heute. Ich hab jedes Mal verkackt und natürlich auch oft die Phasen durchlebt, in der ihr alle für mich Schlampen wart, dabei war ich nur aus Versehen in die Hände einer "weiblichen Chauvinistin"* geraten. (*ich bitte Wikipedia hier um einen zusätzlichen Eintrag, aber um meine Geschichte geht es heute nicht)
Mittlerweile bin ich eher auf dem Stand, dass ich großen Respekt vor euch Frauen und eurer Stärke habe. Denn am Beispiel meiner Mutter, sehe ich, wie man 35 Jahre in patriarchalischen Strukturen leben kann und diese so einfahren, dass sie es bis heute nicht geschafft hat sich daraus zu lösen. Erstmal war es bis die Kinder groß wurden, dann bis das Haus abgezahlt war und jetzt würde er alleine nicht klarkommen (FACT!) und außerdem ist man schon so lange zusammen, das ist einfach so, das ist was anderes als Liebe, das verstehe ich jetzt noch nicht.

Und ehrlich gesagt will ich es auch niemals verstehen, Mama!

Ist das wie mit diesen Zweck-WGs? Man benutzt die gleiche Toilette, sieht sich nie, unterhält sich nie, und muss einen Putzplan erstellen oder Nachrichten hinterlassen, um zu kommunizieren, und wenn’s der Zufall gebietet, isst man das, was die andere gekocht hat, aber doch lieber, wenn sie nicht da ist und alleine, um nachher noch zu kommentieren, dass der mühevoll und vor allem mit Liebe zubereitete Eintopf zu fettig war? Eine Zweck-Ehe? Welchen Zweck erfüllt die Ehe denn jetzt noch? Und wann ist aus der Zweck-Ehe meiner Eltern eine Zwangs-Ehe geworden?
Den Strauß Neurosen trägt dabei meine Mutter, und dies wird ihr von Seiten meines Vaters auch noch als krankhaft vorgeworfen, was das Internet und ärzte* ihm sogar noch bestätigen würden. (*Die Erfindung der Krankheiten wie Neurosen, Psychosen etc. geht maßgeblich auf Ärzte zurück, welche in der Zeit der Erfindung maßgeblich Männer waren. Findet den Fehler!)

Jetzt kommt erschwerend für meine Mutter hinzu, dass sie aus einem erzkatholischen Land stammt, nämlich Polen. Dort wurde ihr in ihrer Jugend noch die Wichtigkeit der Ehe einprogramm... eingeprüg... eingepredigt und wie verkehrt es sei, sich jemals scheiden zu lassen.
Und so ackert sich meine Mutter ab. Kümmert sich um das Haus, wie eh und jeh, den Garten, die Tiere, den Einkauf, die Mahlzeiten, die Wäsche, tatsächlich sogar Reparaturen, Verbesserungen, Verschönerungen am uralten Haus und im Alter von 61 Jahren hat sie letzte Woche das Zimmer meines Vaters gestrichen. Nach der Antwort auf meine Frage "Hat Papa dir geholfen?", sollte ich erstmal ne Runde heulen gehen.

Das Traurige ist; Meine Mutter schafft das Alles und macht das gerne und gleichzeitig ist sie die phantasievollste Frau, die ich kenne. Es gibt fast nichts, was sie nicht schaffen kann. Sie war in den ganzen Jahren als Hausfrau und Mutter inklusive Nebenjobs einfach immer da. Sie war immer da. Wenn ich an meinen Vater denke, habe ich einzelne Bilder im Kopf, weil es nur ein paar Momente gibt, in denen er da war. Die wenigen Streits mit meiner Mutter und die Vorwürfe, die ich ihr oft machte, habe ich ganz exakt im Kopf, und dafür schäme ich mich und werde es wahrscheinlich für immer tun.

Wenn jemand immer da ist, dann wird das irgendwann selbstverständlich und Missfallen wird schwerer geahndet als das Glück, das schon lange Normalität geworden ist.

Ich habe gar keine Lust meiner Mutter von meinen Sorgen zu erzählen, von Kleinigkeiten, wie dass ich meine Miete schwerlich zusammen bekomme. Ich muss rumreisen, etwas erleben, damit ich ihr Geschichten erzählen kann, wo ich überall war und wen ich alles spannenden getroffen habe. Denn wenn ich ihr am Telefon solche Geschichten erzähle, ist sie ganz glücklich, wenigstens für einen Moment und sagt "Toll, was du erlebst, so ein Leben würde ich auch gern leben. Aber meines ist ja schon fast vorbei." Sie ist 61 Jahre jung!

Sie hat alles gegeben für uns Kinder. Und ich schaffe es nicht sie da raus zu holen. Im Gegenteil; So oft bin ich noch wütend, dabei hat sie mir alles beigebracht. Ein Kämpfer zu sein, den Kopf hoch zu tragen, wahrlich oft höher, als er mir steht, aber das ist wichtig, das hat nichts mit Arroganz zu tun, und niemals die Augen vor Ungerechtigkeit zu verschließen, denn jede Seele hat den gleichen Wert, egal welchen Mantel sie gerade trägt. Dass es nicht schlimm ist sich zu bücken, um zu helfen, aber das man nicht betteln soll oder irgendwelche Hintertürchen benutzen, die den Weg abkürzen, wo man aber brauner rauskommt, als man erahnt hätte.

Und so päppelt die Seele meiner Mutter, die meines Vaters durch sein Leben und wird dafür durch die westliche Zivilisation auch noch als "krank" klassifiziert. Dass das Gegenteil der Fall ist, dass nicht sie den Therapeuten bräuchte (,den sie zum Glück seit Jahren verweigert!), dass auch hier die Opfer Täter Rollen in gewisser Weise gedreht werden, durch eine Einstufung als Krankheit, durch die prägende christliche Erziehung, durch die eingefahrenen Strukturen im deutschen dörflichen Umfeld, durch die nie stattgefundene Integration*, das scheint niemand zu sehen. (*Als Deutsch-Polin werden ihr heutzutage immer noch die Jobs im Bereich Haushaltsführung angeboten, zu sehr schlechten Konditionen, am besten 365/24/7, mit einer Abstellkammer zum Schlafen, Speis und Trank und der Rest schwarz, weit unter Mindestlohn und ohne soziale Absicherung. Danke Deutschland.)

Meine Mutter hat geschafft uns all das beizubringen und gleichzeitig jedem jederzeit geholfen, der grad Hilfe brauchte. Sie hat schlecht bezahlte Jobs gemacht, wo ihr Sinn für den Wert des Menschen ausgenutzt wurde, denn sie kündigte solche Stellen selten, weil ihr der Mensch, den sie betreute wichtiger war, als das wenige Geld und der unbezahlte Urlaub. Und jetzt füttert sie jemanden durch, der sich für einen König hält, aber ein Narr ist, der sogar uns Kinder ab und an noch springen lässt, wenn er "Aua!" schreit.

Meine Mutter hat ihm und vielen anderen mehr gegeben, als deren Wert beträgt. Aber meine Mutter hat keine Zeit Erbsen zu zählen, weil es "pointless" wäre dies zu tun.
Meine Mutter weiß dafür, wie man Erbsen pflanzt, sie erntet und daraus einen Eintopf macht.

Aber eines wird sie niemals schaffen, mir niemals erklären können, was diese eine Sache ist. Die Sache, die nach der Liebe kommt. Denn das möchte ich niemals verstehen, Mama.

David Moritz, Köln 26.11.2016
  • BACK TO LYRIC