Über Menschen...
"...wenn jemand sein ganzes Leben nur geschlagen wird, dann schlägt er halt irgendwann mal zurück." (Konstantin Wecker - Willy)

Köln, 20. Dezember 2016 - Nicht-Berlin

Es ist 7 Uhr morgens, ich stehe vor dem Hostel, in dem ich die meiste Zeit lebe und rauche meine Morgenfluppe. Ein junger Kerl kommt mit einer Bierflasche vorbeigejoggt, sieht mich, schwenkt um, und steuert direkt auf mich zu. In Sekunden vermassel ich das Spiel, setze einen Stein falsch, es bleibt nur eine winzige Lücke, durch die man mich noch sehen kann, die Tetrismauer ist komplett dicht. "Hast du ne Zigarette für mich, Bruder?"

Das was mir wahrscheinlich laufend passiert, mit meiner Attitüde, mit meiner Mauer, mit meiner absolut kalten, abweisenden Art, sind Kolletaralschäden - Der Junge wirkte recht fröhlich. Aber man weiƟ auch, dass ich jeden Morgen hier vorm Hostel stehe und ich war sogar mal der Typ der immer alles gegeben hat. Irgendwann habe ich damit aufgehört... wer mich kennt weiß, dass das nicht stimmt, aber wer kennt mich schon... - Ich frage spöttisch zurück "Seit wann sind wir Brüder? Sehen wir aus wie Brüder?"
Er antwortet, dass wir doch alle Brüder und Schwestern seien und er hat sogar recht damit... ,aber "es ist zu wenig und zu spät" (Zitat aus Closer, dem Film mit der unglaublichen Natalie Portman)
Plötzlich sind wir alle Schwestern und Brüder?

Jetzt wo es unkomfortabel wird, wo der Krieg nach Hause kommt - jetzt sollen wir uns verbrüdern? Ich war immer das Kind einer Polin, vermutlich nichtmal das leibliche Kind meines deutschen Vaters (siehe rumors = rumors sind Gerüchte, Papa!), und noch nie ein Bruder eines deutschen Jungen. Ich bin in Deutschland geboren, in Deutschland aufgewachsen, in Deutschland zur Schule gegangen, habe mein ganzes Leben in Deutschland gelebt. Doch Bruder hat mich damals niemand genannt. Mir erscheint jeder mehr ein Bruder zu sein, der keinen deutschen Pass hat, der kein mitteleuropäisches Aussehen hat, als "ihr". Bei euch bin ich erstmal skeptisch. Und erst recht dann, wenn ihr ankommt und als erstes etwas haben wollt. Wem Gesellschaft fehlt, der darf mich gerne einfach ansprechen. Wer jemandem zum Reden braucht, für den war und bin ich immer da. Das wissen ein paar Wenige. Dass ich verflucht viel tragen kann, sieht man wahrscheinlich, und das mir sogar egal ist, dass ich dann den Buckel bekomme und nicht ihr... ach kommt, drauf geschissen.

Was der Junge nicht weiß; Wie das ist, wenn man in einem 6-Bett Zimmer einschäft und ein anderer Junge von 20 Jahren schläft weinend neben einem ein. Die anderen haben versucht ihn aufzuheitern, bevor er zu Bett ging, sie haben sich gekümmert, gefragt ob er krank sei, ihm eine Kopfschmerztablette gegeben. Aber der Junge ist nicht krank, alle wissen das. Ich sitze starr im Bett und fixiere mein Tablet. Lese die Pressemitteillungen aus Berlin und schäme mich. Schäme mich schockstarr auf mein Tablet zu blicken und dem Jungen nicht helfen zu können. Vorm Einschlafen unterhalte ich mich kurz mit dem Japaner im Nebenbett. Er sagt, hier sei ja alles ganz gut und ruhig. Und ich weiß, die Worte sind nicht für mich. "Ja,... hier.", flüstere ich leise. Aber das macht nichts besser.

Wie soll ich - wie kann irgendjemand ruhig einschlafen, nachdem er die Nachrichten gesehen hat? Wie geht das? Dieses Umschalten? Vom Massaker in Allepo, der Verzweiflungstat in Berlin und körperlicher Gewalt in der nächsten Seitengasse, wie geht das einfach so zu switchen, zu "Mir geht es ja ganz gut, ich lege mich jetzt hin, drehe mich um, und schlafe friedlich ein."... während im Zimmer jemand weint, dem ich nichtmal helfen kann, weil ich das Gefühl habe, dass alles, was ich jetzt tun könnte, sagen könnte falsch wäre. Zum Glück waren ein paar ältere, weisere Menschen, mit noch kaputteren Schuhen da, die sich um ihn kümmern konnten.

Und dann wache ich morgens auf, in eine Welt die durchgetanzt hat, mit einer Flasche Bier, die auf mich zukommt und nach einer Kippe fragt. Wie geht das... in den Weltuntergang hineintanzen? Und was ist schizophren? Sind meine Mauern einfach immer noch nicht hoch genug? Soll ich lieber anfangen "Lügenpresse" zu schreien. "Terror" zu schreien. Tausend Mal das Wort Anschlag wiederholen? Anschlag, Anschlag, Anschlag - Terror, Terror, Terror - Flüchtling, Flüchtling, Flüchtling.... So wie ihr alle?! Einfach wiederkauen, solange kauen, bis es süß wird und breiig ist, wie Convienience Babynahrung, und einfach runtergeschluckt werden kann?! Ich wünschte ich könnte das, statt das Wissen zu besitzen, was einen Mann zu einer solchen Tat, wie in Berlin treiben kann.

Verzweiflung. Verzweiflung. Verzweiflung. Nichts anderes! Es hat wenig zu tun mit Nationalitäten. Wir sind alle Menschen. Aber nicht alle sind menschlich. Ich will nicht die Opfer-Täter Rollen umdrehen. Aber bevor jemand zum Täter wird... war er vorher lange, lange Zeit Opfer. Denn erstmal ist der Mensch gut und sucht keinen Fluchtweg in die Sterne. Er ist ein Stern, wenn er geboren wird. Jemand der so verzweifelt ist, dem wurde sein ganzer Glanz genommen.

Wahrscheinlich hatte der Verzweifelte mehr Gefühl, als in vielen von "euch" übrig geblieben ist. Er war jemand der nicht mehr tanzen konnte. Der nur noch den Schmerz sehen und fühlen konnte. Und wenn der Schmerz ann so groß geworden ist, dann kann man ihn mit dem besten Willen nicht mehr wegtanzen. So sitze ich morgens im warmen Hostel, esse mein Frühstück und schäme mich, dass es mir gut geht. Ich bin so handlungsunfähig geworden und es geht mir so viel besser als vielen anderen Menschen auf der Welt, auf den Straßen, gerade jetzt in Berlin und den letzten Verbleibenden in Aleppo.
Mir gegenüber sitzt ein junges Paar mit Kind, die die Grausamkeiten einfach nicht sehen dürfen, die ihr Auge nicht schockstarr auf dem Schlimmen verweilen lassen dürfen. Die Verantwortung haben und einen jungen Stern bei sich, dem sie eine Welt erklären müssen, die besser werden soll.
Ich bin stolz auf solche Menschen, die es schaffen die Hoffnung zu bewahren, die alles wissen - so wie wir alle in Zeiten des Internets alles wissen - Menschen und Eltern, die trotzdem an eine bessere Welt glauben, weil er oder sie neben ihnen sitzt.

Und was kann ich? Nur kaputt machen, was mich kaputt gemacht hat. Euch! Die, die ihr Bruder zu mir sagt und mich gleichzeitig nach etwas fragt. Joggt weiter. Joggt in die Randgebiete, in Richtung Plattenbauten oder in Richtung Bahnhofsvorplatz, oder am Besten bis Aleppo. Geht zu den Obdachlosen, zu den Bauwagensiedlungen, zu den hart arbeitenden Menschen und fragt diese Menschen nach ner Fluppe und nennt sie gleichzeitig Bruder. Aber macht euch doch bitte nicht lächerlich. Jetzt wo die Angst steigt, sind wir alle Brüder und Schwestern?!

In der Hostel-Bar läuft das ZDF-Morgenmagazin. Ich höre das Zittern in der Stimme, der Außenkorrespondetin, als sie die ekelhafte Frage stellen muss: "Sie standen direkt daneben. Und was haben sie gesehen?"

Die Leute wollen das was passiert. Aber bitte hinter der Glasscheibe. Und die Arbeit machen dann doch bitte auch andere. Und den Tatort sichern, die Opfer bergen, die Verwundeten versorgen, den unfreiwilligen Beobachtern zuhören... also diese Sachen machen dann doch auch besser andere.

Als Jugendlicher habe ich meine Mutter gefragt, warum bei einem Flugzeugabsturz gesagt wird "Es waren xy Deutsche unter den Opfern." Ich stelle mir die Frage weiterhin, wenn hier im Hintergrund das Morgenmagazin auf Dauerschleife läuft, welche Rolle es spielt, ob der Verzweifelte ein Flüchtling, ein Syrer, ein Afghane, ein Deutscher, ein Christ, ein Jude oder ein Moslem war. Ich frage mich, welche Rolle es spielt, dass er vermutlich im Februar letzten Jahres als Flüchtling nach Deutschland eingereist ist. Ich frage mich das, obwohl ich schon lange die Antwort kenne. Das Wissen um die Antwort macht das Ganze allerdings noch perfider, als es sowieso schon ist.

Menschen brauchen Menschen. Menschen lieben Menschen. Und Menschen töten Menschen. Es sind alles Menschen. Es war ein Mensch, der den LKW gesteuert hat. Es sind Menschen, die gestorben sind und verletzt wurden. Und es bleiben Menschen, die weiterleben und weitermachen müssen. Auch wenn sie den Sinn nicht mehr sehen können, wenn die Hoffnung immer kleiner wird. Es sind alles Menschen.

Ein Mensch.


Warum der Refugee ein (junger, starker) Mann ist [AUDIO | 10:15 Min.]


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