Eine Restaurantbewertung
"N.A.C.A.B. but A.R.A.B."

Ich war in der Polizeikantine zu Köln dinieren.
Es ist arm drinnen, im Kühlschrank, Zeit die Höhle zu verlassen und auf die kräfteraubende Jagd zu gehen. Draußen ist es eisig, die Jagd will gut geplant sein, ich packe meinen Rucksack, sollte es donnern, werde ich einen überwurf brauchen, die Jagd länger dauern, künstliches Licht, achja, und meine Waffe sollte ich nicht vergessen, den Geldbeutel gefüllt mit Ninja-Sternen.

Die Jagd kostet Energie, das wissen die Meisten, aber meine Waffen sind nur stumpfe Ninja-Sterne und dazu auch noch sehr wenige, wie erlege ich damit so viel Nahrung wie möglich, ohne zu viel meiner eigenen Energie zu verschwenden und vielleicht selbst als "Soylent Green" zu enden.

Ich trete vor die Tür, der kalte Wind peitscht mir ins Gesicht, ich aktiviere die Schutzschilde, vermumme mich ganz und gehe in Richtung Inner Core. Welchen Weg werde ich wählen, den körperenergieraubenden durch die verwinkelten Gassen und Blocks, der Achtsamkeit vor lauernden Gefahren fordert, oder den Weg mit dem Schienen Ungeheuer, einsame Entscheidung, leider teuer, ich zähle meine Ninja-Sterne.

Sitzend. Das gleichmäßige Brummen der Bahn beruhigt, das Weichenklackern, jedes ist mir bekannt, moment was war das, nichts, das war letzte Woche schon da, erinnere ich mich. Aber dieses Gesicht kenne ich nicht. Ich schalte meinen sensorischen Akustikschutz ab, um die Stimme zu identifizieren. Sie hört sich sanft und freundlich an, ich gleiche die Stimme mit dem Gesicht ab, stelle eine Verbindung her zwischen Kleidung, Alter, mögliches Berufung, möglicher Inhalt der Ledertasche in Bezug zu Gesicht und Kleidung, achte auf die Reaktionen bei Ereignissen und beschließe nach 3 Minuten... die Person ist ungefährlich. Diagnose "hart arbeitender Mensch", der wahrscheinlich eine große Verantwortung zu tragen hat, denn ansonsten wäre er auf unserer Seite und würde mitkämpfen, vielleicht sind wir sogar unwissentlich miteinander verknüpft.

Die Bahn hält, ich erinnere mich an ein Werbebanner und an die blonde Jägerin, diese Art von Jägerin, die nie einen Fuß in meine Höhle setzen würde. Obwohl wir gar nicht so verschieden sind, trennt uns unsere Aufgabe, unsere Zugehörigkeit, uns wie beide es wissen, bedauern es kurz und kämpfen daher mit größter Vorsicht, den anderen nicht zu verletzen. Ich werde in ihre Diensthöhle gehen, mir ihren Anführer ansehen, von ihrem Essen kosten. Denn menschlich ist, wer zumindest während der Mahlzeiten die Waffen ruhen lässt.

Angekommen sehe ich mir das Angebot an. Nichts Außergewöhnliches, reich ist die andere Seite also auch nicht, wie soll man auch reich werden, wenn man den ganzen Tag kämpft, anstatt nur zu reden. Ich wähle das fleischlose Menu, denn obwohl ich gerne alles koste, was auch meine Feinde essen, bleibe ich trotz allem wählerisch bei der Wahl meiner Beute. Meine Ninja Sterne gebe ich der Zählerin, die freundlich jeden Stern kontrolliert und sie sicher wegschließt, um sie später ins Depot zu bringen, wo niemand mehr an sie rankommt. Nichtschlimm, denn sie sind schon lange nichts mehr wert.

Ich habe einen großen Teller Nudeln mit Soße bekommen, pfft, die Vollidioten, und das für ein paar stumpfe nutzlose Waffen. Die Energie die ich hier tanken werde, ist so viel mehr wert, und die Informationen, die geheimen Zeichen der Feinde, nur ein Wort kann das Gewicht einer Atombombe haben, nur eine Geste, den anzuvisierenden Schwachpunkt im nächsten Kampf offenbaren, nur eine Grimasse, zur Eskalation im nächsten Gipfeltreffen führen.

Ich genieße die extraordinäre Mahlzeit, zelebriere sie gar, denn wichtiger als alles andere ist die Zeit, die Zeit um all dies zu sammeln, all die Informationen. Der Anführer lässt sich ebenso Zeit. Er muss über mein Erscheinen informiert worden sein, denn er verspätet sich. Stattdessen betreten, nicht die besten Männer den Raum, eher Streichhölzer, Kanonenfutter. Er hat Angst um seine wenigen guten Leute und weiß mit wem er es zu tun hat. Er beweist Mut als er vollkommen ungeschützt den Raum betritt. Wir wissen umeinander, unsere Blicke streifen sich von allen unbemerkt, ein so filigranes Zucken am... ich kann nicht sagen wo, ab einem gewissen Punkt muss auch ich schweigen, zur Sicherheit unserer und seiner Leute. Er setzt sich weit entfernt von mir hin, ohne einen Schussfänger in Reichweite, ich bin beeindruckt, und beginnt ebenso genüsslich die Mahlzeit zu verzehren.

Die Kämpfer um uns herum wagen nur verstohlene Blicke, jedes Lachen wird schnell von Eingeweihten unterbunden, die glauben etwas mehr zu wissen, die aber nicht wissen, dass er und ich, das wir und sie, genauso Lachen, genauso Weinen, genauso Lieben und genauso Hassen. Ich verzeihe den Gläubigen ihre Verfehlungen, und auch er reagiert nicht, sie brauchen halt noch Zeit.

Damit kein weiterer Verdacht sich bestärkt, die Identitäten gewahrt bleiben, konzentriere ich mich auf das Essen. Schaue mir die Gefolgschaft an, finde die blonde athletische Jägerin aber nicht. Gut so, das würde nur Begehren ins uns wecken, das für unser beider Arbeit hinderlich wäre. Wobei, einen kurzen Moment? Aber so sind wir nicht, weder sie noch ich. Das ist die Frage der Ehre. Dem Begehren folgt eine Verantwortung, nicht mal die fleischgewordene, sondern die emotionale. Denn Jäger wie wir haben mehr Gefühl, als ein Konsument sich jemals vorstellen kann. Wir wirken blutrünstig, sind jedoch handzahm. Ein Geheimnis? Nein. Eine Maske. Das Herz ist ein Muskel, und Muskeln sind nur bei Anspannung hart.

Ich bringe mein Geschirr weg, entsorge die Reste, werfe der Zählerin einen Blick zu, ihre Augen funkeln, werfen den Schein der gesammelten Waffen wieder, und verlasse geräuschlos den Saal. Hinter mir schließen die modernen Türen sich druckluftgesteuert und automatisch, das rote Blinken der überwachungskameras reflektiert in der Innenseite meiner Brille, ich drehe mich noch kurz um, für die Großaufnahme, denn was ist schon ein Feind ohne Gesicht? Ein Feigling, ein Narr, nichts wert und bereits besiegt, bevor er zur Waffe greifen kann.

Der Akku ist voll, ich beschließe mich 20 % davon in den Rückweg zu investieren, vielleicht finde ich auf dem Weg ein paar Ninja-Sterne, sehe etwas interessantes, vielleicht erwische ich einen Sonnenstrahl, man braucht schließlich nicht nur Luft zum Leben. Ich husche durch die Gassen, wähle meinen Weg energiesparend. Als ich zwischen den Autos die Straße überquere sehe ich in der Ferne ein paar blonde Strähnen hinter einem Baum hervor wehen.
Der Wind ist eisig. Mir ist warm.


Dave Tent aka David Moritz aka Dodi aka Tentguy David aka Moritz aka Idiot aka immer aus der Flasche, wirklich immer aka außer Weizen, manchmal - Köln der 14. Dezember 2016

(Inspiriert durch: Bettina Blass, Danke für die grauenvolle Textvorlage)


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