K(l)eine Ameise

Ich hab grad diese 13 Grafiken über Depressionen gesehen. Die letzte ist nett.
Ist Depression nicht einfach das Wissen darüber wie alles wirklich ist, gepaart mit dem Bewusstsein, der Ohnmacht als einzelne kleine Ameise etwas Schönes bauen zu wollen, anstatt was ausschließlich nützliches, während die anderen Ameisen fluchen und dich beschimpfen, nicht verstehen warum du ihnen Steine in den Weg legst, du aber nichts anderes willst, als ihnen eine Freude machen, ihnen ein Lächeln entlocken, wenn sie nur kurz stehen bleiben würden, um sich die Steine anzusehen, die Aussehen wie, ja, wie was eigentlich, was würde Ameisen zum Lachen bringen?
Und du weißt du bist eine Ameise, eine einzelne, und sie laufen deine Steine immer wieder um, doch gerade hattest du eine Idee, wie etwas Lustiges daraus hätte werden können, wie alle dann kurz inne halten würden, lachen und schmunzeln, um zu sagen, das ist toll, was du da gemacht hast, doch dann vergisst du, aus Ärger über die umgeworfenen Steine, deinen Gedanken, was es war, dass sie zum Lächeln hätte bringen können, und fängst wieder von vorne an.
Suchst dir immer größere Steine, weil du eine Ameise bist und einfach alles tragen kannst, und die anderen sehen dann, dass du eine starke Ameise bist, aber einfach nicht mithelfen willst, bei dem was sie machen, etwas Nützlichem, und anstatt zu fragen, was du da machst, fluchen und schimpfen sie immer mehr und immer lauter, und du suchst dir immer größere und schwerere Steine und baust weiter etwas Schönes, etwas zum Lachen.
Und langsam kriegst du einen krummen Rücken und dein drittes linkes Bein gibt allmählich auf und du humpelst, aber siehst es nicht ein leichtere Steine zu wählen, denn genau dieser große Stein, den du dort gesehen hast, muss einfach dazu gehören, und du humpelst mit diesem großen Stein deinen Weg lang, der nur von dir getreten wurde, und jetzt lachen sie tatsächlich alle, aber nicht aus Freude, sondern weil du so humpelst und dich abmühst etwas Schönes für sie zu schaffen, aber unglaublich lächerlich dabei aussiehst, mit deinem Bein das schleift und deinem Rücken der krumm ist.
Und dann hörst du das Lachen und denkst kurz, du seist auf dem richtigen Weg, blickst auf, und merkst, dass sie dich auslachen und du trägst deine Steine weiter auf deinem krummen Rücken und du hast keine Hand frei, und deswegen laufen deine Tränen einfach so dein Gesicht runter und die Rotze kannst du auch nicht wegwischen und sie lachen noch lauter und du schluckst irgendwann einfach runter, was eigentlich raus gesollt hätte.
Und still zerbricht dein Innerstes, Stein für Stein, Lachen für Lachen, mit jedem Schritt scheint das Ziel sich weiter zu entfernen, während es langsam kalt wird, außen und innen, und die anderen Ameisen ziehen sich langsam zurück, gehen um glücklich ihres nützlichen Lebens zum Sterben, doch du baust weiter, egal wie kalt es wird und dieser kleine Funke, diese kleine Idee in dir drin ist immer noch da, und du hoffst, wenn im nächsten Sommer die Neuen kommen, sehen sie was du gebaut hast und sie würden sich freuen.
Und dann bist du ganz alleine, machst kurz eine Pause, guckst dir an, was du geschafft hast, und als du es siehst und erkennst, durchatmest, ausatmest, verlierst auch du deine Kraft, denn auch du bist nur eine kleine Ameise, und dazu noch eine einzelne, und die Kälte hält Einzug und du erstarrst, alleine in der Stille, mit einer Träne auf der linken Wange und einem lächelnden Blick auf das was du gebaut hast.

David Moritz, Köln den 06.11.2016

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