Das halbe Glas

"Also für mich ist das Glas immer halbvoll!" Er guckt das Glas an. Wie voll ist sein Glas? Und was spielt das überhaupt für eine Rolle? Eine klare Flüssigkeit, durchsichtig und keine Blasen an der Wand des Glases. Er hatte es geschafft das Glas stehen zu lassen. Bis zur Hälfte auszutrinken und stehen zu lassen. Und jetzt steht das Glas vor ihm und irgendjemand schreit "Trink!".

Ein paar tausend Kilometer weiter südlich wandert ein kleines Mädchen durch die Wüste. Die ständige Sonne hat ihre Haut schnell altern lassen. Immer wenn es regnet muss sie weinen. Auf ihrem Kopf trägt sie einen Topf, der nichts wiegt. Zu Hause füllt sie das einzige Glas mit Wasser. Es wird herumgereicht und jeder trinkt einen kleinen Schluck.

Das Glas hat die Silhouette einer Frau. Der Eichstrich zeigt 0,33 l an. Auf halber Höhe zwischen Glasboden und Eichstrich zeichnen sich Wellen in der Flüssigkeit ab, ausgelöst womöglich durch nahe Vibrationen. Ein Kind ruft nach seiner Mutter. Er gibt ihr das Glas, putzt ihr die Nase und sagt "Und jetzt aber ab mit dir, die anderen Kinder warten!"

Irgendwo im hohen Norden, also im wirklich hohen Norden, es gibt keinen Regen, nur ewigweite Weiße. In einem Topf hat er viel davon gesammelt. Sein Feuerzeug wird immer wieder durch den starken Wind ausgeblasen. Er versucht alles, hält es anders, schützt die Flamme, geht achtsam mit ihr Richtung Zunder. Als das Feuer endlich brennt, muss er weinen. Am Topf verbrennt er sich die Lippen ohne es zu merken.

Vor unbändigem Zorn schlägt er den Flaschenboden an der Theke ab. Seine Augen brennen wie Feuer. Er rast alle über den Haufen. Die Vorlauten werden auf einmal ganz still, senken ihre Häupter und verlassen die Bar. Das Mädchen hinter der Theke holt ein Kehrblech, kniet sich in die Lache und flüstert leise "Danke." Ihre Lippen schmecken salzig.

Ein Hund läuft zu einem Bach und trinkt. Seine Zunge ist sein Glas. Er ist so sehr damit beschäftigt zu trinken, dass er die Fische überhaupt nicht bemerkt, die in wilder Panik vor seiner gefährlichen Attacke flüchten. Sie schnellen an ihm vorbei, fliegen durch die Luft, überwinden den nächsten Wasserlauf.

Der Goldfisch muss weinen, als er das im Fernen sieht. Er hasst Gläser.

21.02.2017, David Moritz, ganz sicher

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