Living in bar

Wann weiß man, dass man erwachsen ist. Dass man all' das, was man gelernt hat, nämlich Soldat zu sein, nur dazu gelernt hat, um es eines Tages anzuwenden. Wenn dieser Tag bereits war, dieser Tag schon lange vergangenen ist, an dem alles begonnen hat, man morgens in einem abgedunkelten Störerbunker aufwacht, alleine, und den vergangenen Tag Revúe passieren lässt und nicht wahrhaben will, dass man gestern hoffentlich wenigstens ein Menschenleben gerettet hat, weil man es retten musste. Wenn man realisiert, dass man lebt um zu retten, und dies nicht aus Spaß, sondern weil alles Ernst geworden ist. Weil alles kein Kinderspiel mehr ist, kein Cowboy und Indianer, sondern weil es wirklich Menschen gibt, die vernichten wollen.

Heute ist der 8. Februar 2017 und in Köln tobt ein Krieg, den keiner sieht. Der Krieg tobt schon lange und einem ehemaligen Soldaten reichen leider einzelne Wortfetzen, um die Sicherheitslage einzuschätzen, dafür braucht er nicht mal mehr ein Ampelsystem, das ihm sagt, gestern stand die Ampel auf rot, auf hohes Risiko, auf; An jeder zweiten Ecke kann gleich einer ausrasten.

Wenn man sich bewusst über Krieg ist und wie er geführt wird, nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Geld und Worten, dann überlegt man sich zu schweigen. Doch bevor andere sterben und man selbst und damit niemand jemals über mich sagen wird, der wusste es auch und hat nichts getan, rennt man durch die Straßen und eskaliert, und provoziert, obwohl man das Gegenteil trainiert hat.

Wann man dann weiß, welche Farbe die Ampel hat, wie hoch das Risiko an dem Abend ist? Wenn man wegen eines nicht bezahlten Kölsch-Deckels in Höhe von 27,- Euro von 6 bewaffnten und geschützten Polizisten einer Hundertschaft umgeben ist. Der Wirt mit einer zitternden Stimme seine Adresse niederschreibt, die Polizisten den Ring größer ziehen und den Schirm an gewissen Punkten komplett dicht machen, und man weiß, der Wirt hat keine Angst wegen mir, wegen den 27,- Euro, sondern weil einen Raum weiter, ein paar Köpfe zu glattrasiert sind, zu gefährliche Gedanken beherbergen, und weil diese Köpfe noch leerere Köpfe unter sich haben, denen sie alles befehlen können, dann weiß man die Farbe. Wenn man keinen Hauch Angst spürt in diesem Moment, obwohl sie voll da sein sollte, dann ist es gefährlich, denn dann ist man erwachsen und die Lage kurz vorm Eskalieren. Doch in einer Eskalation ruhig zu bleiben, bedacht zu reagieren, im Zweifelsfall blitzschnell, egal wie müde man ist, wenn man 6 Jahre lang Deeskalation gelernt hat, diese Situation ähnlich wieder und wieder trainiert, damit man eben in solchen Moment nicht in Panik ausbricht, keine Angst hat, dann weiß man, dass man eine doofe Ausbildung gewählt hat, mit 17 Jahren. Oder auch nicht - zu spät sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Denn egal was ich tue, ich hoffe ich habe gestern ein Menschenleben gerettet. An die Engel, die noch mehr verhindern und ihre Köpfe hinhalten, wenn es dann richtig heiß wird - Danke.

Es ist kalt in Deutschland geworden und wir alle müssen einen kühlen Kopf bewahren und das machen einige noch viel besser als ich. Doch ich hoffe, wenn das alles eines Tages vorbei ist, der Frieden wieder immanenter wird und meine Kinder, die ich noch nicht habe, über ihren Vater reden, können Sie sagen: Mein Vater war im Widerstand. Er hat ein kleines Stück dazu beigetragen, dass wir wieder in eine gute Zukunft blicken können, dass das was die jetzige Generation, wenn sie wach ist, leider schon sieht, nicht mehr vorgeschriebene Zukunft bleibt, dass wir nicht täglich mit einer neuen Schreckensmeldung rechnen mussten, und es nicht nur hier, sondern auch in unseren Krisenherden in Mitteleuropa und darüber hinaus langsam ruhiger wird, dass keine Menschenleben mehr gezählt werden müssen. Wenn mein Junge und Mädchen sagen können; Meine Mutter und mein Vater, die haben einen kleines Stück dazu beigetragen, um die Welt ein wenig besser zu machen. Und wenn wir ihnen dann nur einen leeren Schrank hinterlassen, aber das Wissen und die Fähigkeiten und das Rückgrat um aufrichtig zu leben, dann kann ich gehen.

Wann man weiß, dass man Erwachsen ist? Wenn man Abends in die Bar kommt und Gedichte aufschreibt, Bilder malt, reimt, versucht zu lachen und zu singen, wie damals die Männer in den Tunneln des 1. Weltkriegs. Wo Kunst aus Angst entstand, als Zeitvertreib. Weil man wusste, dass der nächste Tag nicht mehr da sein könnte. Wann man sowas versteht? Schon lange vorher. Wann man sowas realisiert. Das will man nie.

Und so erwachsen man auch wird, schreibt man des Nachts Liebesbriefe und verschickt sie nicht, schreibt Gedichte und spricht sie nicht, zeichnet Bilder und vollendet sie nicht. Weil da draußen ein Krieg tobt und das Klicken gerade, diese kleine Vibration im Boden einem sagt: Du hast gerade noch viel Wichtigeres zu tun, als zu ruhen. Du musst heute wenigstens ein Menschenleben retten. Wenn du dann wieder im urbanen und digitalen Krieg 3 Nächte nicht schlafen kannst, weil die Situation es erfordert, dann ist das kein Problem, weil du es gelernt hast.

Deutsch-Mann mit Glatze

Wenn ich neben Dir steh' und nach ner Kippe frag'
biete mir nie wieder "Feuer" an!
Ich hab nach Kippen gefragt.
Wenn du mich verspottest und ich nur kurz meinen Kopf zu Seite dreh,
einen Schritt beiseite geh,
Und wenn ich dann "Ungeheuer" sag,
dann Deutsch-Mann,
drückt eine Profi ab!
Sag niemals wieder Feuer, in meiner Gegenwart!
Willkommen im Grab (them!)

Köln, den 8. Februar 2017

Living in bar

  • BACK TO LYRIC